faq Automatisierte und selbstfahrende Autos

Wann ist ein Fahrzeug selbstfahrend? Die „5 Stufen der Einführung“ – Welche Stufen gibt es? Was ist der Unterschied?

Ein Fahrzeug ist selbstfahrend oder „autonom“, wenn es alle Aufgaben im Straßenverkehr selbständig meistern kann. Typischerweise wird nur die letzte der 5 Stufen der Automatisierung als selbstfahrend bezeichnet, wenn kein Fahrer mehr nötig ist.

Die „5 Stufen der Einführung“ beschreiben aus technischer Sicht Automatisierungsgrade und die spezifischen technischen Herausforderungen in der jeweiligen Stufe.

5 Stufen der Einführung
Abbildung 1 - Bildquelle: http://www.fuw.ch, 2015

Wer entwickelt aktuell selbstfahrende Autos?

Neben den traditionellen Autobauern arbeiten seit einigen Jahren auch andere Technologiekonzerne an der Entwicklung von selbstfahrenden Autos. Die Zugangsweise ist dabei sehr unterschiedlich: Während die traditionellen Autobauer einen evolutionären Weg gehen und die Fahrzeuge durch immer mehr Fahrerassistenzsysteme sukzessive intelligenter und automatisierter machen (Level für Level von 2 bis 5), gehen Technologiekonzerne wie z.B. google, UBER, apple einen revolutionären Weg und wollen direkt ein selbstfahrendes Auto (Level 5) auf den Markt bringen.

European Roadmap, Smart Systems for Automated Driving
Abbildung 2 - Bildquelle: EPoSS European Technology Platform on Smart Systems Integration: European Roadmap, Smart Systems for Automated Driving. Version 1.2; Version April 2015. Seite 24.

Wie weit ist die Entwicklung von selbstfahrenden Autos?

Am Markt verfügbar Fahrzeuge befinden sich maximal auf der Entwicklungsstufe 2, selbstfahrenden Autos (Level 5) sind noch nicht verfügbar. Prototypen gibt es allerdings schon von unterschiedlichen Herstellern, die in verschiedenen Pilotversuchen zum Teil bereits im Realverkehr getestet werden.

Ein Auszug der aktuellen Pilotversuche und Testbetriebe:

  • Kalifornien, USA: 17 verschiedene Firmen testen ihre jeweiligen Technologien auf den öffentlichen Straßen Kaliforniens
  • Pittsburgh, USA: Fahrtendienstleister UBER testet selbstfahrende Fahrzeuge direkt mit den Kunden
  • Colorado, USA: Ein LKW fährt 120 Meilen autonom am Highway um eine Lieferung zu transportieren Lastwägen, die auf Autobahnen selbständig fahren, werden auch in konservativen Schätzungen bereits 2025 erwartet. Marktanalysten erwarten, dass 2025 bereits ein Drittel der Lastwägen im Kauf hoch-automatisiert sind (Stufe 4 oder Stufe 5).
  • Europa: im Zuge des Forschungsprojekt „CityMobil2“ fahren autonome Low-Speed Minibusse in mehreren Städten Europas
  • Europa: Bei der „Truck Platooning Challenge“ sind vernetze Truck Platoons (LKW Kolonnen) in verschiedenen Ländern gestartet und gemeinsam in Amsterdam angekommen
  • Österreich: Test eines selbstfahrenden Busses in Salzburg.

Ebenso wie große Automobilkonzerne geht auch das KFV davon aus, dass bereits in den nächsten 10 Jahren massentaugliche voll-autonome Fahrzeuge (Stufe 5) im Verkehr unterwegs sein werden. Während die technische Entwicklung bereits sehr weit fortgeschritten ist, gibt es bis dahin noch unzählige ligistische Fragen zu klären. Das KFV sieht Forschung hinsichtlich der sich daraus ergebenden neuen Interaktion im Mischverkehr, sowie neuer Unfallarten als essentiell an.

Wie trägt Österreich zur Entwicklung von selbstfahrenden Autos bei?

In Österreich setzt der BMVIT Aktionsplan „Automatisiert – Vernetzt – Mobil“ bis 2018 eine Reihe von Zielen, um Forschungsaktivitäten zu bündeln, und Infrastruktur, Recht und Wirtschaft auf Automatisiertes Fahren vorzubereiten. Hauptziele in dem Aktionsplan sind u.a. die Stärkung der österreichischen Forschung und Wirtschaft in dem Bereich mit einem Förderpaket in Höhe von 20 Millionen Euro, Ausbau der digitalen Infrastruktur für automatisiertes Fahren, sowie die Sicherung der Potenziale für die Verkehrssicherheit.

Erste Schritte wurden bereits erfolgreich absolviert: die 33. KFG-Novelle ermöglicht Tests von automatisierten Fahrsystemen auf Österreichs Straßen, und aktuell läuft eine FFG-Ausschreibung zur Sondierung von möglichen Teststrecken. Bereits in der Praxis getestet wurde unlängst ein selbstfahrender Bus in Salzburg. Ab nächstem Jahr, wenn die vom BMVIT beauftragten Teststrecken errichtet werden, wird es eine Serie von neuen Praxistests in Österreich geben.

Eine besonders umfangreiche, digitale Ausstattung einzelner Autobahnabschnitte (C-ITS Korridor auf der S1 Autobahn) ermöglicht eine Basis für Tests zur Vernetzung von Fahrzeugen und Infrastruktur und der Auswertung dieser Daten.

Das Kuratorium für Verkehrssicherheit sieht seine Rolle darin, die Verkehrssicherheit in diesen österreichischen Bestrebungen hoch zu halten und bei der schnell fortschreitenden, technischen Entwicklung den Menschen wieder ins Zentrum zu rücken, da eine äquivalente gesellschaftliche und individuelle Entwicklung für eine im Sinne der Verkehrssicherheit erfolgreiche Einführung des automatisierten Fahrens Voraussetzung ist.

Wie sehen rechtliche Fragen aus?

Im Juli wurden mit der 33. KFG Novelle erste Weichen hin zu automatisiertem Fahren gestellt. Bislang durften bestimmte Assistenzsysteme beziehungsweise automatisierte Fahrsysteme nur genutzt werden, wenn das Lenkrad während des Fahrens mit mindestens einer Hand festgehalten wird. Mit der vorgelegten Gesetzesnovelle hat das Verkehrsministerium eine Regelung erarbeitet, um das automatisierte Fahren unter bestimmten Voraussetzungen zu ermöglichen. Welche Fahraufgaben unter welchen Bedingungen an automatisierte Fahrsysteme übertragen werden dürfen, wird in Folge durch entsprechende Verordnungen genau geregelt werden.

Jenseits vom Testbetrieb liegt eine breite Palette an offenen rechtlichen Fragen vor uns:

  • zukünftige Zulassungsprozesse von Fahrzeugfunktionen, speziell wenn es over-the-air updates, wie bei Computerprogrammen, gibt und damit das Fahrzeug selbst ein sich veränderndes Programm ist.
  • Haftungsfragen: wer haftet bei einem Unfall durch technischen Defekt? – der Autobauer, der Zulieferer, der (Nicht-)Fahrer, oder gar der Gesetzgeber und die Zulassungsstelle?
  • Datenschutzrichtlinien
  • Standardisierung von Fahrzeugfunktionen, speziell in Bezug auf Sicherheitsaspekte
  • ggf. die gesetzliche Öffnung von Fahrzeugsystemen, um eine Monopolisierung auf einen Automobilhersteller oder Betriebssystemanbieter zu verhindern
  • Anpassung von Fahrausbildung und Straßenverkehrsordnung im Mischverkehr
  • Länderübergreifende Standardisierung all dieser Punkte

Vor- & Nachteile von autonomen Fahrzeugen

WienZWA sieht bei selbstfahrenden Fahrzeugen (Level 5) einen konkreten Vorteil in der Integration von Mobilitäts-eingeschränkten Gruppen (z.B. Blinde) und insgesamt in der Flexibilisierung des Öffentlichen Verkehrs (die „letzte Meile“). Vor allem aber liegt das Potenzial in der Erhöhung der Verkehrssicherheit.

Die Nachteile aus Sicht der Verkehrssicherheit liegen am Weg zum voll autonomen Verkehr und den neuen Gefahren, die sich im Mischverkehr und den Automatisierungsstufen vor voll-autonomen Fahrzeugen ergeben. Fahrer von teilautomatisierten Fahrzeugen werden nur noch in kritischen Situationen, in denen das Fahrzeug (Level 3 und 4) die Kontrolle zurückgibt, eingreifen müssen und darin mit wenig Fahrroutine reagieren müssen. Während Fahrer von autonomen Fahrzeugen (Level 5) dieses Problem nicht mehr haben, werden sich dennoch in den Jahren des Mischverkehrs kritische Situationen mit ungeschützten Verkehrsteilnehmern und konventionellen Fahrzeugen ergeben, die möglicherweise nicht – wie das autonome Fahrzeug – akkurat alle Verkehrsregeln einhalten.

Was fehlt noch für die tatsächliche Umsetzung?

Die technologische Entwicklung ist bereits weit fortgeschritten. Experten sprechen von selbstfahrenden Fahrzeugen, als wären sie bereits selbstverständlich. Tatsächlich ist die breite Masse aber bereits von den bestehenden Assistenzsystemen überfordert bzw. weiß nicht um deren richtige Funktionsweise. Wir sehen es also als essentiell für den Erfolg von selbstfahrenden Fahrzeugen an, dass die Bevölkerung durch kompakte Information auf den Entwicklungsweg mitgenommen wird.

Die tatsächliche Umsetzung wird nicht nur die Technik betreffen, sondern vielmehr auch noch offene Fragen in Bezug auf Recht, Zulassung, Haftung und Versicherung, Aufbau Infrastruktur, Standardisierung, und andere. Und die Rolle des Menschen.

1 Norm SAE Automatisierungsgrade. https://de.wikipedia.org/wiki/SAE_J3016

2 http://arstechnica.com/cars/2016/10/more-autonomous-vehicles-are-coming-to-california-and-iowa/

3 https://newsroom.uber.com/pittsburgh-self-driving-uber/

4 https://techcrunch.com/2016/10/25/ubers-otto-self-driving-truck-delivers-its-first-payload-50k-beers/

5 McKinsey&Company: Delivering change. The transformation of commercial transport by 2025. Advanced Industries. September 2016. Vgl. Seite 12.

6 http://www.citymobil2.eu/en/

7 https://www.eutruckplatooning.com/default.aspx

8 Salzburger Nachrichten (19.10.2016): Selbstfahrender Bus bahnt sich seinen Weg durch Salzburg. http://www.salzburg.com/nachrichten/salzburg/chronik/sn/artikel/selbstfahrender-bus-bahnt-sich-seinen-weg-durch-salzburg-218743/

9 Bundesministerium für Verkehr, Innovation und Technologie: Aktionsplan Automatisiertes Fahren „Automatisiert – Vernetzt – Mobil“. Juni 2016.

10 33. KFG-Novelle. https://www.parlament.gv.at/PAKT/VHG/XXV/ME/ME_00208/index.shtml

11 FFG: Mobilität der Zukunft - Testumgebungen für automatisiertes Fahren - Ausschreibung Frühjahr 2016. https://www.ffg.at/sondierung-testumgebungen-call2016

12 Salzburger Nachrichten (19.10.2016): Selbstfahrender Bus bahnt sich seinen Weg durch Salzburg. http://www.salzburg.com/nachrichten/salzburg/chronik/sn/artikel/selbstfahrender-bus-bahnt-sich-seinen-weg-durch-salzburg-218743/